Elf Jahre nach dem letztmaligen Überstehen der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals schien es Zeit, wieder einmal blaugelbweiße Pokalgeschichte zu schreiben. Zumal das vor 14 Jahren an gleicher Stelle gewonnene letzte Pflichtspiel gegen die Lilien sich als gutes Omen deuten ließ. Es knisterte im Paradies vor Spannung, Vorfreude und dem Wissen, nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen zu haben.
Gegenüber dem knappen Sieg bei Chemie Leipzig war die Rückkehr des wiedergenesenen Talabidi die einzige personelle Änderung in der Startelf. Taktisch aber sahen die 13.300 Zuschauer in der ausverkauften ad hoc arena eine Dreier-/Fünferkette aus den zentralen Talabidi-Reddemann-Boog mit Butzen und Burmeister auf den defensiven Außenpositionen. Mit Moritz Fritz als einzigem Sechser schien die Marschroute klar: Gut stehen und bei Ballgewinn schnell nach vorn. Umso überraschender, dass Marco Grotes Elf in den Anfangsminuten auch den Ballbesitz weitestgehend dominierte und den Zweitligisten mit schönen Ballstafetten ein ums andere Mal in Verlegenheit brachte. Als Munser in den Lilien-Spielaufbau spritzte und sein Flachschuss nur um Haaresbreite am langen Pfosten vorbei strich, lag vielen der Torschrei schon auf den Lippen (6.). Weniger knapp war es bei den Schussversuchen von Lankford (7.), Eshele (8.) und Löder (9.). Doch allein diese Aufzählung verdeutlicht, wie gut der FCC im Spiel war. Umso bitterer, dass Darmstadts erster Torschuss bereits den Weg ins Tor fand. Die Gäste hatten sich schnell durch Jenas Rückraum kombiniert und Smits knackiger Distanzschuss schlug perfekt im Eck ein (11.). Vier Minuten später setzten die Gäste fast noch einen drauf, als Marx abseitsverdächtig auf Liesegang zumarschierte und übers Tor schoss. In der Folge beruhigte sich die Partie. Jena musste mit der neuen Spielsituation klarkommen und die Gäste versuchten, nach und nach ihre Favoritenrolle auch optisch auf den Platz zu bringen. Der Zweiklassenunterschied war jedoch zumeist nur dann spürbar, wenn der Zweitbundesligist verlorene Zweikämpfe in Freistoßpfiffe zu eigenen Gunsten umzumünzen vermochte.
Nach einer guten halben Stunde zogen die Hessen aber an und hatten gleich mehrfach die Resultatserhöhung auf dem Fuß. Liesegang reagierte überragend mit Fußabwehr gegen Duijvestijn (34.) und aus den beiden folgenden Eckbällen resultierten Großchancen, die Jenas sich in jeden Ball werfende Verteidiger vereitelten, wobei insbesondere Butzens artistische Rettungstat auf der Linie herausragte. Doch wie zu Spielbeginn fiel der Treffer überraschend auf der anderen Seite. Elias Löder nahm einen unsauber geköpften Ball der Darmstädter kurzentschlossen direkt und pfefferte ihn über den weit vor dem Tor stehenden Keeper Schuhen tor-des-monats-verdächtig in die Maschen. Das Ernst-Abbe-Sportfeld, optisch mit dem komplett weiß gekleideten Gästeblock und dem in Blau getünchten Rest ohnehin wunderschön anzusehen, explodierte förmlich. Der Glaube an die Pokalsensation war wieder da! Zwei Minuten lang. Dann kombinierte Darmstadt spielerisch und gedanklich zu schnell durch die FCC-Abwehr und Königstransfer Lance Duijvestijn zeigte, warum die Lilien fast eine Million Euro für ihn auf den Tisch gelegt haben, ließ Liesegang keine Chance.
Mit Applaus verabschiedete das Publikum Jenas Kicker in die Kabine, und doch auch dem Gefühl, dass dieser Rückstand unnötig war. Ein Gefühl, das sich im Laufe des zweiten Durchgangs verstärken sollte. Der Favorit wurde jetzt feldüberlegener, zeigte seine Qualitäten und versuchte immer wieder mit schnell gespielten Stafetten hinter Jenas Kette zu kommen. Allein, wirkliche Torchancen entsprangen daraus keine und dabei sollte es bis zum Abpfiff bleiben. Doch auch der FCC tat sich nun schwerer, zu eigenen Möglichkeiten zu kommen. Eshele ackerte als Spitze unermüdlich, fand aber gegen den 1,96m-Hühnen Pfeiffer kein Mittel. Löder, Lankford und Munser konnten sich offensiv seltener in Szene setzen, als noch im ersten Durchgang. Und so unterstrich die zweite Hälfte das, was 98-Trainer Florian Kohlfeldt in seiner Pressekonferenz vor der Pokalbegegnung konstatierte, dass die Seinen nach den ersten beiden Zweitligaspieltagen sowohl das Team mit den wenigsten kreierten, als auch mit den wenigsten zugelassenen Torchancen sei. Und doch: Es gab genau einen Hochkaräter in den zweiten 45 Minuten. Jena hatte über die rechte Seite gekontert und Burmeister den Ball präzise ins Zentrum gebracht, wo der eingewechselte Tristan Teuber das Leder freistehend mit langem Bein erwischte, aber nicht im Kasten unterbringen konnte. Eine Szene, die an Hamza Muqajs Riesenchance gegen Bayer Leverkusen vor zwei Jahren erinnerte. Doch auch diesmal keine Verlängerung, kein Happy End für den A-Junior und auch keines für den FCC, der auf einen couragierten und guten Auftritt zurückblicken kann. Und doch damit hadern wird, dass irgendwie mehr drin war.
Die Pressekonferenz nach dem Spiel
Trainerstimmen:
Florian Kohfeldt: Ich war 2020 das letzte Mal hier, es war eine schöne Atmosphäre, ein tolles Stadion. Und es war auch ein Pokalspiel, das eine erste Runde verdient, was vor allem das Verdienst von Jena war. In den ersten 15 Minuten hatte Jena viele Abschlüsse, später hatten wir dann zahlreiche Chancen, wo wir den Sack zumachen müssen. Nach dem Traumtor war es gut, das wir dann sofort reagiert haben. Nach der Pause ist nicht viel passiert und Jena hat noch einmal die eine Chance in der Box. Man hat dann immer etwas Angst, dass noch etwas passieren kann. Ich bin mit Teilen des Spiels zufrieden, aber nicht mit allen, und auf jeden Fall froh, dass wir gegen einen sehr guten Gegner die zweite Runde erreicht haben.
Marco Grote: Wir sind sehr gut reingekommen und hatten ein paar gute Abschlüsse. Mit dem ersten Torschuss geht Darmstadt in Führung, das nennt man Effektivität und Qualität. Wir waren über die gesamte Spielzeit gut im Spiel, mussten sicherlich auch ein paar Situationen überstehen, was bei zwei Klassen Unterschied dazu gehört. Wir müssen einfach das zweite Tor kurz vor der Pause verhindern. Insgesamt haben wir es dann immer offen gehalten. Gefühlt waren wir immer irgendwie dran, haben die ein oder andere Situation am und im 16er, die wir besser ausspielen müssen. Der Gegner hat es clever runtergespielt. Wir können stolz sein, auf die Leistung und das ganze Drumherum. Aber es fühlt sich gerade nicht besonders toll an, für nah dran können wir uns nichts kaufen. Dennoch, wir nehmen für unseren Prozess und unsere Entwicklung etwas mit.
Spielstatistik
FC Carl Zeiss Jena: Liesegang - Talabidi (86. Ajvazi), Reddemann, Boog (72. Hehne), Butzen (86. Hoppe), Fritz, Lankford, Burmeister, Munser (62. Teuber), Löder, Eshele (72. Wollschläger)
SV Darmstadt 98: Schuhen, Pfeiffer, Weißhaupt (77. Furukawa), Klefisch, Petretta (65. Kleinhansl), Vukotic, Sickinger (77. Lee), Lannert, Smit, Duijvestijn, Merx (65. Verkooijen)
Schiedsrichter:
Wolfgang Haslberger (Tobias Endriß / Maximilian Lotz)
Zuschauer:
13.296
Tore:
0:1 Smit (11.)
1:1 Löder (38.)
1:2 Duijvestijn (40.)



